Episode 4: Die schöne Welt der Schwester Philin
Shownotes
Ordnung ist kein Selbstzweck – sie schafft Zeit für Patienten
In dieser Episode geht es um die Frage, wie eine Krankenhausorganisation aussehen müsste, damit Mitarbeitende ihre Arbeitszeit nahezu vollständig für ihre Patientinnen und Patienten einsetzen können.
Anhand eines Gedankenexperiments begleitet Jörg Gottschalk die Pflegekraft Schwester Philin durch einen perfekt organisierten Frühdienst. Das Beispiel zeigt, wie ruhiges, konzentriertes Arbeiten möglich wird, wenn Prozesse zuverlässig funktionieren und organisatorische Störungen konsequent vermieden werden.
Die zentrale Botschaft dieser Episode lautet:
Je unberechenbarer der Patient, desto berechenbarer muss die Organisation werden.
Gerade weil Medizin komplex ist, brauchen Krankenhäuser strukturierte, stabile und effiziente Prozesse. Ordnung und Struktur schränken dabei nicht ein – sie schaffen stattdessen. Freiräume für gute Medizin.
Themen dieser Episode
- Warum Hektik meist organisatorische und nicht medizinische Ursachen hat
- Wertschöpfung statt Sucherei, Unterbrechungen und Verschwendung
- Wie strukturierte Abläufe Mitarbeitende entlasten
- Warum Ordnung Voraussetzung für Patientensicherheit und Qualität ist
- Weshalb medizinische Komplexität stabile Prozesse erfordert
- Schwester Philin als Bild für eine leistungsfähige Krankenhausorganisation
Zentrale Erkenntnis
Nicht die Patientinnen und Patienten verursachen das tägliche Organisationschaos. Die meisten Probleme entstehen durch instabile Prozesse. Je besser diese organisiert sind, desto mehr Zeit bleibt für das, worum es im Krankenhaus eigentlich geht: die Versorgung der Menschen.
Erwähnt in dieser Episode
- Lean Hospital
- Wertschöpfung und Verschwendung
- Prozessstabilität
- Standardisierung
- Krankenhausorganisation
- Patientensicherheit
Aussicht auf die nächste Episode
Welche organisatorischen Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit eine Pflegekraft wie Schwester Philin tatsächlich so arbeiten kann?
Konzept & Host: Jörg Gottschalk Produktion & Urheberrecht: Jörg Gottschalk
Mehr Informationen 📖 Buch: Die zweite Revolution in der Krankenhausführung – Jörg Gottschalk 🎙️ Podcast: Krankenhausführung neu denken 📅 Lean Hospital Kongress 2026 23.–24. September 2026, Mannheim
Krankenhausführung neu denken richtet sich an Führungskräfte, Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte sowie alle Menschen, die Krankenhäuser nicht nur verwalten, sondern nachhaltig verbessern wollen. Im Mittelpunkt stehen Prozesse, Führung, Lean Hospital, Organisationsentwicklung und die Frage, wie aus Chaos Struktur, Stabilität und Effizienz entstehen können.
Transkript anzeigen
00:00:08: Herzlich willkommen zu dieser vierten Episode von Krankenhausführung Neu Denken.
00:00:13: Mein Name ist Jörg Gottschalk, schön dass ihr dabei sind wenn wir über Struktur und Ordnung sprechen!
00:00:24: In den vergangenen Episoden habe ich über das Krankenhaus Chaos und seine Folgen gesprochen.
00:00:29: Chaos kostet Mitarbeitende sehr viel Aufmerksamkeit und Energie.
00:00:34: Chaos macht eine Organisation fehleranfällig unwirtschaftlich dass sie weder sinnvoll gesteuert noch gezielt verändert werden kann.
00:00:45: Und das Dumme ist, dass Chaos einfach so passiert – da helfen auch fünfhundert Regeln im Qualitätshandbuch wenig!
00:00:54: Wenn es denn darum geht, das Chaos nicht nur besser zu beherrschen sondern gänzlich hinter sich zu lassen dann könnte man nun die Frage stellen wie denn eine Organisation jenseits dessen aussehen könnte?
00:01:08: Wie sieht Struktur, Stabilität und Effizienz im Krankenhaus aus?
00:01:14: Darum geht es in dieser Folge.
00:01:17: Und das zunächst einmal aus der Perspektive einer einzelnen Person.
00:01:22: wie müsste oder könnte eine Person arbeiten damit ihre persönliche Arbeitszeit bestmögliche im Sinne ihrer Patientin genutzt wird.
00:01:32: Im Sinne des Patienten meint konkret wertschöpfende Aktivitäten.
00:01:38: Wenn es gelingen würde, dass alle oder zumindest möglichst viele Mitarbeitende so arbeiten können dann müsste ja eine sehr effiziente wirksame Organisation entstanden sein und das müssten die eigentlich alle wollen.
00:01:58: Ich möchte Sie nun nicht mit Definitionen langweilen.
00:02:01: stattdessen ladet sie einfach ein zu einem kleinen Gedankenexperiment.
00:02:06: ich nutze es auch in erweiterter Form sehr gerne in meinen Vorträgen und Trainings.
00:02:12: Stellen Sie sich vor, sie begleitet eine Pflegekraft durch Ihren gesamten Frühdienst.
00:02:18: Nennen wir sie Schwester Feline.
00:02:20: Sie arbeitet auf einer perfekt organisierten chirurgischen Stationen.
00:02:26: Es ist kurz vor sechs Uhr morgens.
00:02:28: Feline kommt auf ihrer Station hängt ihre Jacke auf zieht ihre Dienstleitung zurecht und nimmt einen Schluck Kaffee.
00:02:35: Anschließend wirft sie ein Blick auf ihren persönlichen Tagesplan.
00:02:41: Der gesamte Tag ist vorbereitet.
00:02:43: Jede Medikamentenabgabe, jede Untersuchung, jede Visite, jede Aufnahme und jede Entlastung hat ihren festen Platz.
00:02:52: Und für jede Aufgabe gibt es einen vorgesehenen Zeitpunkt und einen realistischen Zeitkorridor.
00:03:00: Das heißt Filin muss nichts improvisieren.
00:03:02: Sie müssen nichts organisieren.
00:03:04: sie muss auch niemanden anrufen um herauszufinden was als nächstes ansteht.
00:03:09: Alles, was sie jetzt tun muss ist ihren Tagesplan Schritt für Schritt abzuarbeiten.
00:03:17: Sie öffnet ihrem Pflegewagen.
00:03:18: alles liegt dort wo es hingehört Medikamente Verbandsmaterial Spritzen Blutdruck Messgerät alles vollständig sortiert und einsatzbereit.
00:03:28: Kein Suchen keine Nachfragen kein hektischer Gang in ein anderes Zimmer weil irgend etwas fehlt.
00:03:35: auch die Informationen sind vollständigt vorhanden.
00:03:39: Laborwerte liegen vor, ärztliche Anordnungen sind eindeutig dokumentiert.
00:03:44: Die Übergabe war kurz klar und verständlich.
00:03:48: Um halb sieben beginnt ihre erste Morgenrunde.
00:03:50: Zimmer für Zimmer arbeitet Sie Ihren Plan ab!
00:03:54: Kein Telefon klingelt, niemand unterbricht Sie, kein Kollege sucht dringend einen Rollstuhl oder ein Medikament, kein Patient muss ungeplant zur Diagnostik gebracht werden – Berlin kann sich vollständig auf Ihre Patienten konzentrieren.
00:04:13: Vielleicht fällt Ihnen ja auf, dass ich bislang noch kein einziges Mal von Hektik gesprochen habe und das hat auch einen einfachen Grund.
00:04:22: Hektikk entsteht nicht automatisch dadurch, dass viel Arbeit vorhanden ist.
00:04:28: Hectic entsteht meistens erst dann wenn wir nicht wissen was als nächstes zu tun ist, wenn Informationen fehlen oder wenn wir ständig auf ungeplante Ereignisse reagieren müssen.
00:04:40: Bei Schwester Felin ist das völlig anders.
00:04:43: Sie arbeitet konzentriert, ruhig fast gelassen nicht weil sie weniger arbeitet sondern weil sie fast ihre gesamte Arbeitszeit für das einsetzen kann weshalb sie eigentlich im Krankenhaus ist für ihre Patientinnen und Patienten.
00:05:01: Natürlich gibt es auch auf ihrer Station Notfälle.
00:05:04: ein Patient verschlechtert sich eine Untersuchung dauert länger als geplant Und das Krankenhaus ist nur mal ein hochkomplexes System.
00:05:13: Aber genau deshalb ist die Routine so sorgfältig organisiert.
00:05:18: Außerdem steht für außergewöhnliche Situationen eine Springerin zur Verfügung, nicht weil ständig Chaos herrschen würde sondern weil Ausnahmen eben Ausnahmen bleiben sollen.
00:05:32: Gerade weil der Alltag zuverlässig funktioniert bleibt genügend Zeit und Aufmerksamkeit für das Unvorhersehbare.
00:05:41: Und genau das ist der eigentliche Sinn von Ordnung.
00:05:45: Ordnung soll Menschen nicht einengen, Ordnung sollen sie entlasten – Sie soll Orientierung geben!
00:05:54: Sie beantwortet vier einfache Fragen.
00:05:57: Was es zu tun?
00:05:59: Wann ist es zu tun?
00:06:00: Wie ist es zutun?
00:06:02: Und womit ist es
00:06:03: Zutun?!
00:06:04: Sind diese vier Fragen beantwortet, entsteht etwas das in vielen Krankenhäusern heute fast luxuriös wird.
00:06:12: Ruhe, Konzentration, Aufmerksamkeit und den möglichst viele Mitarbeitende auf diese Weise also wie viele ihnen arbeiten könnten müsste dahinter zwangsläufig eine äußerst effiziente Organisation stehen.
00:06:31: niemals würde etwas fehlen oder am falschen Platz liegen weder Rollstühle, Toilettenstühlen, Medikamente oder Räume.
00:06:38: Die Telefone würden weitgehend schweigen weil es einfach keine Fragen- oder Anordnungen außer der Reihe gibt.
00:06:45: Alle Vorarbeiten werden pünktlich erledigt die Anordnung, die Befunde des Arztbriefs im Medikamentenplan das Röntgen würde pünftig auf die Minute beginnen und auch eine Operation.
00:06:57: Niemand müsste warten suchen unnötig laufen Nachfragen oder gar Fehler korrigieren.
00:07:03: Wir hätten auch viele andere Störungen beseitigt, Patienten müssten sich dann nicht mehr unnötig über die Notrufklingel Gehör verschaffen um ein Getränk oder den Vorhang geöffnet zu bekommen.
00:07:15: wir hätten leise Arztzimmer so dass man auch mal konzentriert und störungfrei Briefe schreiben könnte nur einmal ein paar kleine Beispiele zu nennen.
00:07:26: Wahrscheinlich können Sie mir zustimmen, so sehr angenehmes und effizientes Arbeiten mit viel Wertschöpfung und wenig Verschwendung aus.
00:07:44: Vielleicht habe ich es ja für einen Moment geschafft sie in eine etwas wohligere entspannte und vielleicht auch träumerische Atmosphäre zu transformieren?
00:07:56: Es könnte doch alles so schön sein!
00:07:59: in diesen so wichtigen und so sinnvollen, irgendwie auch schönen Berufen mit denen wir es im Krankenhaus zu tun haben.
00:08:09: Wenn ja wenn dann nicht die menschlichen Reflexe und die tiefsitzenden Erfahrungen wären mit denen sich die Welt herumschlägt Und die sagen dann das geht im Krankenhaus niemals.
00:08:23: Wir haben es doch mit Menschen zu tun Mit Medizin!
00:08:26: Wir müssen Notfälle behandeln.
00:08:29: Das Krankenhausgeschehen ist nicht planbar oder gar in der Weise strukturierbar.
00:08:34: Wir müssen unsere Patientinnen und Patienten individuell sehen und individuell behandeln, ein schöner Traum aber nicht realisierbar eine Utopie.
00:08:48: Und jetzt habe ich mit wenigen Worten jede Art der Veränderung und Verbesserungen beerdigt aus und vorbei.
00:08:56: Veränderungsbeendet bevor sie überhaupt begonnen hat.
00:08:59: und wissen Sie was?
00:09:00: Genauso hätte ich vermutlich vor zwanzig Jahren auch argumentiert, denn diese Einwände klingen ja auf dem ersten Blick vollkommen logisch.
00:09:09: Natürlich behandeln wir Menschen und keine Autoteile.
00:09:13: Natürlich gleicht kein Patient dem anderen.
00:09:16: Natürlich gibt es Notfälle.
00:09:18: Und natürlich verändert sich der Zustand eines Patienten manchmal innerhalb weniger Minuten oder über Nacht – all das stimmt!
00:09:27: Ich verstehe sogar, dass mit diesen Argumenten das tägliche Chaos erklärt werden kann.
00:09:33: Patienten und Medizin sind die Gründe dafür, dass Krankenhausorganisation chaotisch vonstatten gehen muss – klare Ursache, unvermeidliche Wirkung und dazu auch noch der Personalmangel.
00:09:47: Nun ich behaupte das Gegenteil!
00:09:50: Die allermeisten Probleme, die wir täglich erleben haben mit Medizin erstaunlich wenig zu tun….
00:09:56: Sie entstehen eben nicht, weil Patienten unterschiedlich sind.
00:10:00: Sie entsteh'n, weil unsere Prozesse so unterschiedlich
00:10:04: ist.".
00:10:05: Wir haben uns im Krankenhaus über viele Jahre daran gewöhnt, organisatorisches Chaos mit medizinischer Komplexität zu erklären – das klingt ja auch plausibel, ist es aber nicht!
00:10:16: Gerade weil Medizin komplex ist, brauchen wir eine Organisation die einfach stabil und zuverlässig funktioniert.
00:10:24: Ich möchte diesen Gedanken wirklich nochmal wiederholen.
00:10:27: Je unberechenbarer der Patient ist, desto berechenbarmer muss die Organisation werden.
00:10:34: Das ist kein Widerspruch sondern die Voraussetzung dafür dass wir mit medizinischer Komplexität überhaupt souverän umgehen können.
00:10:45: Schwester Felin ist deshalb für mich keine Utopie.
00:10:48: sie ist auch kein Traum.
00:10:49: Sie ist mein Nordstern wenn man so will.
00:10:54: Sie beschreibt nicht die Wirklichkeit von heute, sie beschreibt aber die Richtung in die wir unserer Organisation entwickeln sollten.
00:11:04: Nicht weil wir jemals Perfektion erreichen würden sondern weil jede Annäherung an diesem Nordstern, an diesem Zustand sofort wirkt und spürbar ist weniger Sucherei, weniger Unterbrechungen, weniger Verschwendung mehr Zeit für Patientinnen und Patienten auch mehr Freude an der Arbeit und nicht zu vergessen mehr Qualität.
00:11:32: In der nächsten Episode beschäftigen wir uns mit einer ganz entscheidenden Frage, nämlich welche organisatorischen Voraussetzungen müssen erfüllt sein damit Schwester Felin überhaupt so arbeiten kann wie ich es eben beschrieben habe?
00:11:48: Und mit diesem Fragezeichen entlasse ich Sie nun in Ihrer persönliche Wirklichkeit.
00:11:53: das war's für heute.
00:11:54: vielen Dank fürs Zuhören und Mitdenken.
00:11:57: Bleiben Sie wie immer neugierig, Ihr Jörg Gottschalk.
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